Die Zugspitze

4:30, der Wecker reißt uns aus unseren Träumen. Es ist Mittwoch, der 1.8.2007. Laut Wettervorhersage soll dieser Tag der schönste der ganzen Woche werden, sodass wir die Besteigung der Zugspitz auf Heute gelegt haben.


Da sich Belinda nicht wohl fühlte, musste ich alleine in die dunkle Nacht.
Pünktlich um 5:30 traf ich mich mit meinem Bergsteiger Sepp der Bergschule Zugspitze am vereinbarten Treffpunkt in Hammersbach. Es war kühl und noch stockdunster. Nachdem das ganze Geraffel zusammengepackt war, machten wir uns auf den Weg. Zuerst ging es durch die Höllentalklamm. Rechts der Berg, links brausendes Wasser und sonst nur Dunkelheit. Es war schon sehr unheimlich. Stellenweise ging es durch Tunnels durch den Berg. Einigemale bekamen wir zusätzlich eine ordentliche Dusche von oben. Nach ca. einer halben Stunde war der Spuk vorbei. Wir hatten die Klamm hinter uns gelassen.

Plötzlich, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, wurde es hell. Endlich sah ich mehr als nur einen Meter Weg vor mir. Gegen 6:00 Uhr kamen wir an der Höllentalanger-Hütte an. Die Hütte war brechend voll und so wie ich mitbekommen habe, wohl in dieser Nacht überbelegt. Tja, die frohe Kunde der Wetterfrösche hat wohl einige animiert, es uns gleich zu tun.

Nach einer heißen Tasse Kaffee und einer Brotzeit ging es dann über normale Bergpfade weiter Richtung Gipfel der Zugspitze. Die erste Herausforderung für Geist und Seele war dann erreicht: Das "Brett". Das Brett ist eine der zwei Klettersteigpassagen auf dem Weg zum Gipfel. Er besteht auf Sprossen an einer fast senkrechten Wand, einigen Metern aus in die Felswand getriebene Stahlstifte und etlichen Metern Drahtseile. Wir rüsteten uns durch das Anlegen der Klettersteigausrüstung für diese Aufgabe. Etwas mulmig war mir schon. Nach den ersten Metern in diesem ungewohnten Terrain war aber alles im Lot und es machte sogar riesig Spaß so über Eisenstäbe zu gehen und nur Luft unter den Füßen zu spüren.

Weiter ging es dann über eine kurze Felskletterei und über ein großes Geröllfeld entlang der Riffelköpfe bis wir den Höllentalferner erreichten.

Dem Gipfel vor Augen ging es in kleinen Schritten, Meter für Meter weiter. Mittels Steigeisen, Grödeln und Eisschrauben meisterten wir auch dieses Hinderniss. Es war schon beeindruckend. Beeindruckend war auch die Vorstellung, wie groß dieser Gletscher vor Jahren gewesen sein muss. Ganz deutlichen waren hier die Spuren unseres Wohlstandswahnes zu erkennen. Die Kunst bestand darin, auf sehr glattem Untergrund doch steil bergauf zu gehen. Nach Überwindung einiger kleiner Gletscherspalten gelangten wir an die sogenannte Randkluft.

Beim Anblick dieses Hindernisses stocke es mir zum ersten Mal der Atem. Pust, da musst du gleich hoch. Da ein Gletscher nicht nur von oben sondern auch von den Seiten schmilzt, bildet sich am Gletscherrand eine mehr oder weniger große Kluft zum Felsen. Hier war die Kluft ca 1,5 m breit und der Fels ging aber ca 15 m senkrecht hoch. Die Leiter begann aber erst in einer Höhe von ca 4-5 Metern oberhalb des Gletschers. Hier musste man also gleich zwei Dinge tun: An die Wand springen und sich dann nach oben arbeiten, bis die Leiter erreicht war. Sepp seilte mich an und ging als erster bis ganz nach oben, um mich zu sichern. Der Sprung an die Wand war kein Problem. Der erste Schritt an der Wand war auch noch keins. Aber dann, ich hing in der Wand und wusste nicht weiter. Wo war der nächste Tritt? Von unten sah alles ganz einfach aus. Bei den anderen ging es ja auch und sah so schwierig nicht aus. Wenn man aber selbst in der Wand hängt, ist das etwas ganz anderes. Nach einigen Minuten fand ich etwas Halt und nahm alle Kraft zusammen und zog mich an der Wand empor. Mensch, das ist ganz schön anstrengend. Ein paar Schritte weiter und die Leiter war erreicht.

Ein Blick von oben auf den Gletscher zeigte wie hoch wir nach ein paar Minuten waren und dass etliche Bergsteiger wie an einer Perlenschnur aufgezogen, sich den Weg über den Gletscher bahnten - nach dem Motto: die Karavane zieht weiter. Hier war echt etwas los. Nix mit Bergsteiger-Romantik. Ein Menschenauflauf wie auf einem Volksfest. Kein Wunder, bei diesem schönen Wetter. Nach einer kurzen Rast ging es dann weiter.

Es waren nur noch ca. 500 Höhenmeter. Ab hier ging es aber nur noch steil an einem Klettersteig gen Gipfel. Hütte nicht gedacht, dass mir die Kletterei so viel Spaß macht. Anstrengend ist sie aber allemal. Nach 7h:31min war es dann endlich soweit. Wir waren auf dem Gipfel. Ich war erschöpft, aber überglücklich, es geschafft zu haben. Aber was war hier los??? Eine Menschenmenge ohne Ende. Alle mittels Seilbahn hier rauf gekommen. War das grausam. Keine Ruhe, kein Genießen, kein richtiges Gipfelbild und kein Gipfelbuch. Nur Menschen über Menschen teilweise sogar in Turnschuhen oder Sandalen. Wir machten uns vorbei an all diesen Menschen zum alten Münchner Haus und genossen bei einem schönen Weißbier den strahlenden Sonnenschein und die grandiose Aussicht. Ich war hin und her gerissen und war fassungslos über die Menschenmengen, die die Seilbahn alle paar Minuten auf dem Gipfel ergoss. Mann, war das ein Erlebnis.

Ich und Zufuß auf dem höchsten Berg Deutschlands. 2150 Höhenmeter in 7h:31min über Klettersteige und Gletscher, am Seil und im Fels, über allem ein grandioser blauer Himmel und unter einem teilweise nichts. Das war mit Sicherheit nicht das letzte Mal, dass ich auf der Zugspitze war. Mit Sicherheit war das auch nicht der letzte Berg für mich. Ich bin jetzt nicht nur ein Ironman sondern auch ein Zugspitzman ;-)

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