Der Mythos Jungfrau-Marathon oder Alle Jahre wieder !

 

 

Die Einen nennen es Wahnsinn, dort zu laufen. Die, die dort laufen, finden es wahnsinnig, dass sie dort laufen! Der Jungfrau-Marathon ist für mich persönlich einer der aufregendsten und landschaftlich schönsten Marathons, die ich bisher bestritten habe. Es fängt schon damit an, dass man sich in den vergangenen Jahren im März gespannt vor den PC setzt und auf die Auslosung wartet. Es hat ein leichten Touch von Lotterie. Bin ich dabei oder nicht? Ich laufe seit 3,5 Jahren und durch den Kontakt beim Lauftreff Passtschon98 wurde mir das erste Mal 1999 von diesem Lauf berichtet. Ich habe soviel über diesen Marathon gehört, dass ich an einem Start nicht vorbei kam. Mit leichtem Kribbeln und einem ungutem Gefühl, was tue ich mir da eigentlich an, meldete ich mich an. Das Plakat mit der Streckenführung hing über Monate in meinem Büro. Ich war schon beeindruckt von dieser Strecke und fragte mich oft genug: Warum muss ich mir das antun? 42,195 km sind schon hart genug und dann noch diese Steigungen! Mittlerweile ist der Jungfrau-Marathon so etwas wie eine feste Größe in meiner Jahresplanung geworden. Es ist einfach ein besonderer Marathon, bei dem nur das Ankommen zählt. Wo sonst wird man kurz vor dem Ziel von einem Dudelsackspieler auf die letzten Meter geschickt? Wo sonst kann man sich die Schönheit des Berner Oberlandes erlaufen? Wo sonst hat man so eine fantastische Bergkulisse? All das ist Grund genug für mich, mir jedes Jahr aufs Neue meine Jungfrau-Startnummer an mein Lauftrikot zu heften und mich auf den Weg zu machen, um diese schwere Strecke unter meine Füße zu nehmen.

Meine Startnummer

Dieses Jahr hatte ich mir für den Jungfrau-Marathon ganz andere Ziele gesteckt als in den beiden Jahren zuvor. Es ging nicht darum, das Ziel zu erreichen oder die Zeiten aus den Vorjahren zu toppen. Nein, es ging darum, mich nicht zu verausgaben und meinen Trainingszustand für den im Oktober stattfindenden Köln-Marathon zu erhalten. Weil der Jungfrau-Marathon aber bei uns eine feste Größe im Terminkalender ist, hatte ich einen Bergmarathon als lange Einheit in meinem Trainingsplan stehen. Dass ich durch den Gewinn der Startberechtigung des Running-Pur Teams eine Startnummer aus dem "Elitetopf" bekam, erfuhr ich zum Glück erst viel später.

Leider war das Wetter in den letzten Tagen alles andere als berauschend. Die Jungfrau-Organisatoren hatten sich erst kurz vor dem Start gegen die Schlechtwetter-Strecke entschieden. Die Streckenführung blieb also, zur Freude einiger Passtschon98-Starter - was wäre der Jungfrau-Marathon ohne Black Rock und die Moräne - unverändert.

Samstag, 2.9.01 5:30, der Wecker reißt uns aus den tiefsten Träumen und läutet einen kalten und sehr feuchten Morgen ein. Die Wetterdaten im Morgenprogramm des Swiss-TV waren nur eine weitere Einladung sich unter die kuschelig warme Decke zu verkriechen. O Grad zeigte das Thermometer auf der Kleinen Scheidegg. Brrrrrrr! Leider blieb uns keine andere Wahl. Aufstehen, frühstücken, Klamotten packen und sonstige Marathon-Rituale liefen vollautomatisch ohne langes Nachdenken ab.

Gruppenfoto unserer Truppe 2001

Passtschon98-Treffpunkt, wie immer, eine Stunde vor dem Start. Das Top-Thema war das Wetter, noch war es trocken. Ein Blick in den wolkenverhangenen Himmel ließ aber Böses ahnen. Nur noch wenige Minuten bis zum Start. Ich reihte mich mit einigen Passtschon98nern am Ende des Starterfeldes ein. Ich wollte mich gemütlich von hinten nach vorne durchkämpfen. Pünktlich zum Startschuss setzte der Regen ein, der uns für die nächsten 2,5 h begleiten sollte. Nach wenigen 100 Metern hatte ich meinen Rhythmus gefunden und lief in meinem Trainingstempo eine Runde durch Interlaken, dann Richtung Bönigen, Wilderswil und Lauterbrunnen. Mein Augenmerk galt jetzt den Läufern in meiner  unmittelbaren Nähe und den Zuschauern am linken und rechten Straßenrand. Erstaunlich, bei solch miesem Wetter noch so viele Zuschauer. Das hatte ich in Paris im April ganz anders erlebt. Aber wir sind ja hier nicht in Paris, sondern im Berner Oberland. Mir fielen einige Läufer und Läuferinnen auf, die in Baumwollklamotten und einer sogar in einer langen Baumwolljogginghose unterwegs waren. Wie gesagt, es regnete in Strömen. Und diese Klamotten müßssen in ein paar Minuten einige Kilos wiegen. Außerdem fiel mir auf, dass schon auf den ersten Kilometern Gehpausen und/oder Stretchingpausen eingelegt wurden. Die Gesamtsiegerin vom Vorjahr kam dem Läufertross bei Kilometer 4 entgegen und musste wohl aus die weiteren netten Kilometer bis ins Ziel verzichten. Ich trottete so in meinem Trainingstempo dahin und überholte einen Leidensgenossen nach dem anderen. So langsam waren meine Klamotten durchnässt und lagen klamm und kalt an meinem Körper.  Es war ein sehr unangenehmes Gefühl. Ein Blick zum Himmel ließ uns nicht an Besserung denken. In Lauterbrunnen, Kilometer 20, fiel mir ein kleiner Junge auf. Er kämpfte mit einer Glocke, die fast so groß und wohl auch so schwer war wie er selbst. Einfache Klasse, wie hier die Leute an den Straßenrändern stehen und die Lä¤ufer zum Durchhalten motivieren. Irgend ein Zuschauer schrie in das Läuferfeld: " Dort oben schneit es!!" Wie? Schnee! Ich dachte kurz an einen Hörfehler. Mir war jetzt schon kalt, wie soll es denn erst in 2000 Metern Höhe werden? In Lauterbrunnen stand auch die Passtschon98 Anfeuerungsdelegation. Super, Christine und Martin. (Waren dort eigentlich noch mehr ??) Ich passierte gerade die Halbmarathonmarke und war stolz auf mich, genau in meiner Zeit zu sein. Klasse, sagte ich zu mir, keinen Schritt zu schnell, genau in deinem Tempo. Köln ging mir wieder durch den Kopf. Egal, ob mein Vorhaben in Köln von Erfolg gekrönt sein wird, der Jungfrau-Marathon sollte nicht dazu führen, als Ausrede herhalten zu müssen.

Es ging ortsauswärts an einem Campingplatz vorbei, über eine Straße, die links und rechts von saftig grünen Wiesen gesäumt war, wieder nach Lauterbrunnen zurück. Ich wusste, gleich wird es ernst. Gleich kommt der erste Knüppel. Petrus hatte wohl auch ein Einsehen mit uns und drehte den Wasserhahn zu. Es hatte echt aufgehört zu regnen.  Noch eine Verpflegungsstation und dann keuche, stampfe und stöhne ich den ersten richtigen Berg rauf, waren meine Gedanken. Wie recht ich doch hatte. Es gab wohl niemanden in den vergangenen 12 Monaten, der diesen Berg abgetragen hat und diesen Anstieg ein wenig begradigt hätte. Für diese zwei Kilometer benötigte ich immerhin etwas über 20 Minuten. Der Anstieg nach Wengen hat es schon in sich. An laufen ist hier an vielen Stellen nicht mehr zu denken. Der (normale) Marathoni wird zum Wanderer. Es geht immerhin von 795 Meter in Lauterbrunnen hoch auf 1284 Meter in Wengen. In Wengen (Kilometer 30), das gleiche Bild wie die Jahre zuvor. Sehr viele Zuschauer drängten sich rechts und links an der Laufstrecke und feuerten die keuchende Läufermasse an. Viele wechseln hier ihre nassen Sachen und holten sich aufmunternde Worte ab. Der schwerste Teil der Strecke liegt hier noch vor uns. Auf den letzten 12 Kilometern sind noch ca. 1.000 Höhenmetern zu überwinden. Da macht ein aufmunterndes Wort Mut und gibt Kraft für das, was da noch kommt. In Wengen sah ich dann auch Gabi, die wohl ihre Pressetour schon erledigt hatte. Mit den Worten " Da oben schneit es " bekam ich meine Regenjacke und wurde wieder auf die Strecke geschickt. Ich hatte also doch keinen Hörfehler! Weiter ging es durch Wengen rauf zum Haneggschuss (1.585 Meter).


Puuuuust - das ist schon anstrengend, aber wir sind ja alle freiwillig hier :-)

Über die Mittlenalp (1.720 Meter) ging es zur Wixi (Kilometer 38,6). Die letzte richtige Verpflegungsstation vor dem Ziel. Meine Hände waren so kalt, ich kämpfte minutenlang, bis ich mein Power-Gel aufbekam. Noch einen großen Schluck zur Stärkung und weiter ging es. Wenn ich gewußt hätte, was hier noch vor uns lag....! Ich hätte mich in eine warme Hütte unter eine warme, kuschelige Decke verkrochen.

Aufgeweichter Boden kurz vor dem Ziel

Die letzten Kilometer, eh schon über Stock und Stein, wurden zu einer einzigen Schlammschlacht. Glitschiger, tiefer Schlamm machten aus meinen schönen Laufschuhen  ekelige Dreckstreter. Hier war höchste Konzentration gefordert, um nicht den Halt zu verlieren und so eine Art Dominoeffekt auszulösen. Hier laufen nämlich alle, wie an einer langen Perlenschnur aufgereiht, hintereinander. Nur die Unverbesserlichen, ja die gibt es hier auch, wollen hier überholen und Zeit gutmachen. Unfaßbar, aber erlebt. Wohl dem, der noch genügend Kraft hat und sich vorsichtig vorwärts bewegen kann. Wie angekündigt, aber irgendwie doch nicht geglaubt: SCHNEE!!!! Brrrrrr und leises Fluchen kam in mir auf. Die Regenjacke, die ich in Wengen bekam, hatte ich nach einigen Metern wieder ausgezogen. Ich kam mir unter dieser Jacke vor, als würde ich im eigenem Saft garen. Meine Kilometerzeiten bewegten sich hier zwischen 8 und 15 Minuten. Von Weitem machte ich Geräusche, die sich wie Alphornbläser anhörten, aus. Trä¤ume ich jetzt doch? Am Anfang der Morä¤ne stand doch wahrhaftig ein Alphornbläser. Wie viele Stunden steht der hier nur schon??? Ich wäre bestimmt schon erfroren. Die Schlammschlacht war geschlagen und bis auf einen kleinen Ausrutscher, bei dem ich mir das linke Knie ein wenig überdehnte, überstand ich auch diese Tortur schadlos. Auf der Moräne ging es dann besser vorwärts, zwar immer noch im Gänsemarsch, aber doch beträchtlich sicherer. Die traumhafte Bergkulisse versteckte sich leider hinter dicken Wolken. Ich musste also in meinen Erinnerungen kramen, um mir diesen fantastischen Ausblick vorzustellen.

Nachdem ich auch den Dudelsackspieler passiert hatte (sag mal friert denn hier überhaupt niemand?), lag das Ziel zum Greifen nah. Nach etwas über 5 Stunden war es nun endgültig geschafft. Meine sehnlichsten Wünsche waren nun trockene Sachen und etwas Warmes zu trinken. Nachdem alle unseren Helden im Ziel und wieder in trockenen Tüchern  waren, ging es auch bald wieder talabwärts. Das war es nun: der 9. ( mein 3.) Jungfrau-Marathon. So im Regen und in der Kälte habe ich mich ja schon gefragt: " Warum hast du dich eigentlich für den Jubiläums-Marathon im nächsten Jahr wieder angemeldet?" Jetzt, einige Stunden später, gibt es da nichts mehr zu überlegen. Ich werde, wenn ich gesund bleibe, im nächsten Jahr wieder hier sein. Es ist einfach ein landschaftlich sehr schöner Marathon, bei dem es sich immer wieder lohnt, dabei zu sein. Mein besonderer Gruß geht an die Familie Fuchs von http://www.running-pur.de/, die mir den Start in diesem Jahr doch noch ermöglicht hat, an alle Zuschauer, die uns verrückte Läufer angefeuert und zum Durchhalten ermutigt haben, allen Helfern, ohne deren Mitwirken und Hilfe so ein Marathon wohl nicht durchführbar wäre und an die helfenden Hände kurz vor dem Ziel, die uns über die unwegsamsten Meter in der Schlammwüste geholfen haben.

made by Achim ©, im Okt. 2001

Bilder von der Strecke
527efb333