Mein erster Marathon

Der Fachwelt oder denjenigen, die sich dafür halten, zum Trotz, bin ich als Laufanfänger (Laufe seit 10 Monaten) meinen ersten Marathon gelaufen. Natürlich sollte es, als Einwohner Frankfurts, der Marathon vor meiner Haustür -der ETA Marathon Frankfurt- sein. Eine bestimmte Zeit war nicht das große Ziel. Ich wollte nur gut durchkommen. Wenn dann noch eine Zeit unter 4 Stunden dabei heraus kommen sollte, wäre dies auch nicht schlecht. Ich war ganz zuversichtlich, dass dieses Unternehmen gelingen sollte. Nach intensiven Trainingsvorbereitungen und einigen Wettkämpfen auf der 10km, 20km und Halbmarathon Distanz (ca. 1000 Trainingskilometer und ca. 270 Wettkampfkilometer) sowie dem Studieren einiger Bücher und Internet-Seiten (Ich wußte schon gar nicht mehr, was richtig oder falsch ist) sollte es am 25.10.1998 so richtig ernst werden.So kam er wie er kommen mußte:

DER TAG X

2 Tage vorher trafen wir uns, um unsere Startunterlagen abzuholen. Wir, das sind Eric, Gunter und ich. Eric ist unser erfahrenster Marathoni, er hat bereits einige Marathons in seinen Beinen. Gunter und ich sind absolute Neulinge. Für uns ist es der erste Marathon. Ein Messerundgang sowie eine gute "Henkersmahlzeit" durften auf keinen Fall fehlen. Die Aufregung war sehr groß. Die Laune war ausgezeichnet. Im Bauch herrschte ein leichtes Kribbeln. Der Schlachtplan war ausgearbeitet und lag parat. Alle Bekannten und die Familie wurden angewiesen an der Strecke zu stehen. Nachdem x-ten Blick in meine Sporttasche war ich mir immer noch nicht sicher ob ich an alles gedacht hatte. An eines hatte wohl mit Sicherheit niemand gedacht, an den Wettergott. Nun weiß man ja, dass es im Oktober nicht mehr ganz so warm ist, aber mit solch einem Mistwetter hat wohl keiner gerechnet. Es war ein sehr böiger und kalter Regentag. Aufstehen am Sonntagmorgen um 6:00 Uhr. Gut frühstücken, der wiederholte Blick in die Sporttasche, noch schnell die Richtzeiten auf den Arm gekritzelt und dann warten, warten, warten. Endlich 08:00 Uhr, Laufkollege Gunter trifft ein. Er sollte genauso nervös sein wie ich. Frohen Mutes fuhren wir dann in Richtung Messegelä¤nde. Es war eine gespenstisch wirkende Kulisse. Alles so trü¼b, naß, sehr windig, und kaum Leute auf der Straße. Ab und zu sah man gelbe Blinklichter von Lastwagen die wohl schon die Straßenabsperrungen aufstellten. Nach erfolgreicher Parkplatzsuche ging es dann die letzten Meter zu Fuߟ in Richtung Frankfurter Festhalle, die der zentrale Ausgangspunkt des Marathon war. Das Warten auf unseren Kollegen Eric sollte die erste ernsthafte Geduldsprobe für uns sein. Eric kam zu spät. Er kannte sich wohl mit den Gepflogenheiten des RMV (Rhein-Main Verkehrsverbund) nicht aus. Immerhin mußte er an einem Sonntag von Bad Homburg nach Frankfurt reisen. Für den RMV wohl eine halbe Weltreise!!!!! Nachdem unsere Karenzzeit überschritten war, sind wir alleine in die Halle und haben uns für das anstehende Ereignis schick gemacht.

Carsten, Gunter und Ich (v.l.n.r) kurz vor meinem Highlight 1998, mein erster Marathon. Warum sollte der Erste auch der Letzte sein?????

Kurz vor 10:00 Uhr. Riesige Menschenmengen vor dem Start. Wir mit unserem selbst gebasteltem Passtschon98-Pappschild (sollte Erkennungszeichen für unsere Mitstreiter sein). Carsten sieht uns als erster. Er begrüßt uns herzlichst und wünscht uns alles Gute. Seine Begleiterin schießt noch schnell einige Fotos. Wir halten ungeduldig Ausschau nach Eric. Und da....na endlich ....Eric trifft ein! Unser Schild hat doch Wirkung gezeigt. Von vielen wurde das Schild ungläubig angesehen. Wir wurden sehr oft nach irgendwelchen Richtzeiten gefragt, die wir wohl laufen wollten. Carsten verabschiedet sich in seinen Startblock. Nun warten wir zu dritt ungeduldig auf das Startzeichen. Geht's nun los? Nein wohl doch nicht. Aber da, ein kurzer Ruck, man hört ein lautes Klatschen und Geschrei. Tatsächlich.... einen Schritt gehen.... und noch einen Schritt..... und wieder stehen. Doch siehe da, die ersten Schritte in einer schnelleren Gangart können zurückgelegt werden. Nach einigen Schritten aber wieder stehen. Aber jetzt, es scheint ernst zu werden. Die Reihe vor uns kann schon richtig zulegen. Danach können auch wir zum erstenmal so richtig loslaufen. Haben wir überhaupt ein Startzeichen gehört? Ich glaube nicht. Es sollte auch egal sein. Schließlich laufen wir, und ich bin einer von ca. 9000 Läufern bei meinem ersten Marathon. Es ist schon gigantisch anzusehen, wie sich eine solch große Menschenmasse in Bewegung setzt.

Man ist eigentlich nur am Staunen. Welch ein Anblick! Wir nähern uns der ersten Kilometermarke. Ich fühle mich gut. Kein Wunder nach 1000 Metern. Eric und Gunter laufen neben mir. Bis Kilometer 7 laufe ich mit Eric und Gunter zusammen. Ich fühle mich super. Nur dieser ständige Gegenwind bereitet mir einige Probleme. Dieses Handicap sollte aber jeder haben. Es ist doch etwas ungewohnt, bei Sturmböen zu laufen. Ich habe beschlossen, mein Tempo ein wenig zu drosseln und verabschiede mich von meinen Laufkollegen. Ich freue mich auf Kilometer 15. Ein Arbeitskollege hatte mir schon einige Tage vorher gesagt, er wolle sich den Marathon einmal aus nächster Nähe ansehen. Wir haben uns anhand einiger Unterlagen Routen überlegt wo er den Marathon am besten verfolgen kann. Der absolute Hit war ungefähr bei Kilometer 10. Mein Arbeitskollege ist einige Kilometer parallel zum Läuferfeld mit einer Straßenbahn unterwegs gewesen. Wie das Schicksal so spielt, genau das Läuferfeld indem auch ich lief. Er berichtete mir später, dass nicht er mich ausfindig gemacht hat, sondern sein kleiner Sohn Michael (Super Michael). Nachdem Michael sich lautstark gemeldet hatte, war in der Straßenbahn die Hölle los. An der nächsten Haltestelle wurde ausgestiegen. So entstanden die nachfolgenden Bilder. Klaus, ich danke Dir für diese super Sache.

Kilometer 15. Wir kommen in die Nähe des Stadtteiles von Frankfurt in dem ich wohne. Alle meine Freunde sollten an der Strecke stehen und mich anfeuern. Endlich, 3. Versorgungsstation bei Kilometer 15. Ob ich gesehen werde? Ich nehme mir hastig einen Becher Mineralwasser, begrüße einige Bekannte die mich unglä¤ubig ansehen und mich fragen: "Achim bist du's wirklich? Was, du läufst hier mit? Mein Gott!" Ich sage brav "Hallo" und tue so, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt, daß ich hier mitlaufe. Habe ich alle gesehen? Egal, weiter geht's. Wir passieren gerade die Stadtteilgrenze zu Frankfurt-Nied. Wieder begrüßen mich viele Leute. Es ist schon ein super Gefühl. Irgendwie überkommt mich ein gewisser Stolz. Weiter geht es durch Nied, vorbei an der Straße, in der ich wohne, an dem Kindergarten und an der Schule, die mein Sohn besucht hat, vorbei an Kneipen, in denen ich schon so manches Pils gezischt habe. Wieder stehen etliche Freunde und Bekannte am Straßenrand und jubeln mir trotz diesem Wetter fröhlich zu. Es ist fast wie ein Heimspiel. Kilometer 19.- Frankfurt Hoechst! Hier habe ich eigentlich meine Frau erwartet, die zu diesem Zeitpunkt leider im Höchster Krankenhaus lag, sich aber für diesen Augenblick kurz an die Streck begeben wollte. Es waren aber so viele Leute an der Strecke, dass ich sie nicht ausmachen konnte. Sie selbst hat mich auch nicht sehen können, da ich zu diesem Zeitpunkt in einer größeren Gruppe lief. Schade, aber was soll man machen. Mir ging es eigentlich noch gut, obwohl mir der ewige Gegenwind zu schaffen machte

Dieser Zustand sollte sich aber von einem auf den anderen Meter grundlegend ändern. Ich bekam urplötzlich starke krampfartige Magenschmerzen. Die Krämpfe waren teilweise so stark, dass ich nicht mehr richtig atmen konnte. Ich mußte, ob ich wollte oder nicht, kurz vor Kilometer 20 eine Gehphase einlegen. Ich hätte mir in den Ars...... treten können. Nach einigen Minuten versuchte ich es noch einmal und trabte langsam los. Aber die Krämpfe wurden immer stärker. Bei der Halbmarathondistanz mußte ich erneut eine Gehphase einlegen. Resignation und der erste Gedanke ans Aufgeben spukten plötzlich in meinem Hirn herum. Auf der Schwanheimer Brücke eine erneute Gehphase. Ich versuchte mich noch einmal richtig anzufeuern. Zwei Spaziergänger sprachen mir ebenfalls Mut zu und ich versuchte es noch einmal. Mein Tempo war allerdings bei weitem nicht mehr so hoch wie vor einigen Kilometern noch. Verpflegungsstation bei km 25. Zum erstenmal fiel mir ein Schild mit der Aufschrift "Rotes Kreuz, Sammelpunkt für den Rücktransport" auf. Habe beim Anblick dieses Schildes gedacht: Hör auf und laß dich heimfahren. Ich ging den Verpflegungsstand entlang und suchte etwas Warmes zum trinken. Vielleicht kamen meine Magenkrämpfe vom kalten Mineralwasser. Der Gedanke des Weiterlaufens (weiter gehen) war noch etwas stärker als der des Aufgebens. Es gibt ja bei km 30 noch eine Verpflegungsstation. Also ging es weiter, mal laufen, mal gehen, aber es ging jedenfalls weiter. Verpflegungsstation bei km 30. Mittlerweile hatte ich einige Stopps zwischen parkenden Autos einlegen müssen, da mir zeitweise richtig schlecht wurde. Ich suchte verzweifelt nach diesem Schild, was mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Da sah ich es - dieses Schild und wieder das gleiche Spiel. Ich wollte einerseits aufgeben, andererseits wollte ich aber unbedingt ins Ziel. "Was mache ich jetzt?" fragte ich mich. Ich aß noch eine Banane. Bananen wollte ich eigentlich überhaupt nicht essen. Sie sahen auch nicht sehr appetitlich aus. Egal, ich habe halt eine gegessen, in der Hoffnung sie hilft. Die Zeit die ich mittlerweile auf den Beinen war, war mir auch schon egal, ich wollte nur noch eines - aufhören!!! Ein Blick zurück... sind da überhaupt noch Läufer? Sieht man vielleicht schon den Besenwagen? Dann der Gedanke von diesem Besenwagen aufgesammelt zu werden. Oh nein! Nur das nicht.

Ich nahm noch einmal meine letzte Kraft zusammen - hatte ich ü¼berhaupt noch welche? - und lief weiter. Laufen konnte man das eigentlich nicht mehr nennen, aber egal, es ging weiter. Mir war kalt. Hatte auch zwischenzeitlich Schmerzen im Oberschenkel. Mein besonderer Dank gilt dem Streckenposten der mir den Oberschenkel massierte. Ich schaute wieder auf dieses Schild und sagte mir:" es geht doch eigentlich nicht mehr - tu dir den Gefallen und höre auf" Ein Blick nach hinten. Wo ist der Besenwagen? Sind noch Läufer hinter mir? Es waren noch viele Läufer, die jetzt an mir vorbei liefen. Einige versuchten mich mitzuziehen oder redeten mir gut zu. Kilometer 35! Wieder habe ich es bis zu diesem Schild geschafft. Ich glaube an dieser Verpflegungsstation habe ich mich 10 Min. aufgehalten. Es sollten die wichtigsten Minuten dieser Quälerei sein. Ich habe es bis hier geschafft. Wie, war mir schon ganz egal, also wird es irgendwie noch 7 km gehen.

Ich machte mich also auf die letzten 7 km. Oh je, Oh weh. Hätte ich mich bloß anders entschieden. Aber wieder das gleiche Spiel. Mal laufen (oder so was ähnliches) und mal gehen. Jedes Kilometerschild wurde jetzt herbei gesehnt. Es näherte sich der Kilometer 40. Wenigstens die letzen Kilometer durchlaufen, machte ich mir Mut. Du hast es gleich geschafft. Ich konnte den Messeturm schon sehen. Der Zielbereich war schon zu erkennen. Die Menschenmenge an der Strecke jubelte und klatschte. Es hatten doch tatsächlich noch einige ausgeharrt. Die Ziellinie vor Augen, ich dachte an überhaupt nichts mehr. Ein Blick nach oben auf die Zeitanzeige und rüber über diese lang herbeigesehnte Ziellinie. Und dann, .... nichts mehr, totale Leere im Kopf, weiche Knie und einfach nur kalt. Irgend jemand hängte mir meine Medaille um. Ich trottete langsam weiter zur T-Shirt Ausgabe. Ich nahm mir einen Becher mit irgend etwas Trinkbarem und hielt Ausschau nach meinen Laufkollegen. Es gab sogar schon Läufer, die doch tatsächlich Bier tranken, ich verstand die Welt nicht mehr. Ob die schon am feiern waren? Mir war jedenfalls nicht nach feiern zumute. Endlich sah ich Gunter. Er war auch froh, dass es endlich vorbei war. Wie lange er wohl schon auf mich gewartet hat (grins). Ich wollte nur noch eins, raus aus den Klamotten, rein in die Klamotten (weil trocken). Mir ging es zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht gut. Mal war mir kalt, mal war mir warm. Dann wurde mir zu allem übel auch noch Übel und ich mußte wieder raus an die frische Luft. Ich fühlte mich wie "Durch den Wolf gedreht...."

Nach ca. einer Stunde waren wir wieder alle zusammen. Wir tranken unser erstes Weizenbier (ich nuckelte mehr) Wir tauschten unsere Erfahrungen aus und fachsimpelten ein wenig. Gunter war ganz schön happy. Er hatte zwar sein Ziel knapp verfehlt, aber seine Zeit von knapp über 3:30 ist absolut Spitze für seinen ersten Marathon. Mir ging es dann von Minute zu Minute besser. Ich nuckelte immer noch an meinem Weizenbier als wäre es das erste Bier in meinem Leben. Nachdem wir uns einigermaßen erholt hatten fuhren wir zu mir nach Hause. Wir aßen eine Pizza und tranken noch einige Weizenbier. Es war ein sehr vergnügter Sonntagabend. Und was dann? .... Ja, wir sahen uns eine Viedeoaufzeichnung des ETA-Marathon an. Mir schmeckte Pizza und Weizenbier schon wieder ganz gut und ich konnte auch schon wieder etwas lachen. So langsam habe ich mich dann mit der Situation abgefunden, dass es keine Glanzleistung war. Irgendwie war ich dennoch ein wenig stolz, es überhaupt geschafft zu haben und dabei gewesen zu sein. Sollte unter den Lesern dieses Berichtes ein Arzt sein, so kann er beruhigt sein. Mir ist klar, dass es von gesundheitlichem Aspekt mit Sicherheit besser gewesen wäre, ich hätte aufgegeben. Hatte ich aber nicht. Was würde Gunter jetzt sagen: Nur die Harten kommen in den Garten!!!

Ach ja, bevor ich es vergesse, eine Zeit bin ich natürlich auch gelaufen. Am Ende waren es 4 Stunden und 30 Minuten. Ich habe eigentlich mit ganz anderen Problemen gerechnet. Ich konnte sogar am gleichen Abend ohne Probleme Treppen steigen, hatte noch nicht einmal einen Muskelkater. Habe zwar mein Ziel nicht ganz erreicht, aber ich war dabei und habe es überlebt. Außerdem ist mein Leben noch nicht zu Ende. Es gibt schließlich noch einige Marathons in dieser Republik, an denen man teilnehmen kann (Hamburg ich komme) Im Großen und Ganzen war es schon ein absolut geiles Jahr. Ich fühle mich topfit und freue mich über jeden Kilometer (auch wenn es der 42. ist) den ich mit meinen lieben Passtschon98-Kollegen laufen kann. In diesem Sinne - Jungs macht weiter so! Wir werden zwar nicht reich dadurch, aber vielleicht berühmt!!!

made by Achim ©, im Nov. 1998 pictures made by Klaus ©, im Nov. 1998

 

527efb333